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Schocks rücken Resilienz in den Fokus: Kann sauberer Strom das Energietrilemma auflösen?
Kernpunkte.
Energie ist sehr viel mehr als nur ein Rohstoff. Als Säule der nationalen Sicherheit und wichtiger Faktor für Wirtschaftswachstum und Innovation ist sie inzwischen für Regierungen eine strategische Priorität
Die konkurrierenden Ziele des Energietrilemmas – Versorgungssicherheit, Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit – miteinander in Einklang zu bringen, ist in einer zunehmend unberechenbaren Welt seit Langem eine Herausforderung
Bei der Energieresilienz liegt der Fokus zunehmend auf diversifizierten Systemen und einer stärkeren Erzeugung im Inland. Erneuerbare Energien gewinnen dabei als Lösungsansatz für alle drei Dimensionen des Trilemmas an Bedeutung
Es ist ein ständiges Abwägen: Versorgungssicherheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit stehen in einem dauerhaften Spannungsverhältnis.
Der vor mehr als zehn Jahren vom Weltenergierat geprägte Begriff „Energietrilemma“ beschreibt drei dauerhafte Spannungsfelder der Energiepolitik: Versorgung sichern, Zugang und Bezahlbarkeit verbessern und Umweltauswirkungen verringern. Für viele Länder, insbesondere für Energieimporteure, wurde durch Russlands Invasion der Ukraine die Sicherung der Versorgung wichtiger als die anderen Prioritäten. Sie beschleunigte aber auch den Übergang zu erneuerbaren Energien. Der Ölschock durch die Blockade der Strasse von Hormuz macht die Diversifizierung der Versorgungsquellen sowie eine stärkere Energieerzeugung und -speicherung im Inland dringlicher. Erneuerbare Energien können in Verbindung mit Batterien und der Netzmodernisierung eine entscheidende Rolle bei der Sicherung einer hohen Verfügbarkeit bezahlbarer, sauberer Energie spielen.
In einer geopolitisch unruhigen Welt mit erhöhten Versorgungsrisiken wird der Übergang jedoch nicht reibungslos verlaufen.
Von den Anfängen der Industrialisierung bis etwa zur Jahrtausendwende konzentrierte sich die Energiepolitik vor allem auf das Spannungsverhältnis zwischen Preisen und Verfügbarkeit. Dieses Dilemma spitzte sich erstmals im Jahr 1973 zu. Damals verhängte die Organisation der arabischen Erdöl exportierenden Staaten ein Embargo gegen Länder, die Israel im Jom-Kippur-Krieg unterstützt hatten. Der resultierende Ölschock liess die Ölpreise um fast 300% steigen. Es kam zur ersten globalen Energiekrise, die zweite folgte 1979 im Anschluss an die iranische Revolution. Sicherheit, Zugang und Kosten waren dabei entscheidende Faktoren.
Zur Jahrtausendwende kam mit der globalen Erwärmung ein weiterer Aspekt hinzu: Nachhaltigkeit. In den folgenden zwei Jahrzehnten rückte sie mit der Vorstoß zur Dekarbonisierung führte zu einer stärkeren Fokussierung auf Emissionen. Die Prioritäten dieses neuen Energietrilemmas befinden sich seitdem in einem instabilen Gleichgewicht. Grundsätzlich ist jedes Ziel gleich wichtig, doch es ist jederzeit möglich, dass eines der Ziele infolge realer Ereignisse dringlicher wird als die anderen. Im Jahr 2022 veränderten sich die Prioritäten erneut.
Mark Twain wird häufig das Zitat zugeschrieben: „Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich“. Bei Russlands Invasion der Ukraine verschob sich der Fokus der Energiepolitik erneut: weg von der technischen Frage, wie sich Energie optimal nutzen lässt, hin zur strategischen Frage nach einer ausreichenden Versorgung. Im Jahr 2026 reimt sich die Geschichte deutlicher als je zuvor. Der Iran steht erneut im geopolitischen Fokus, und durch eine neue Ölkrise steht die Versorgungssicherheit wieder ganz oben auf der Agenda.
Zuverlässigkeit und Resilienz sind die Säulen der Energiesicherheit
Durch wiederholte Volatilitätsschübe an den lokalen und internationalen Energiemärkten, ausgelöst durch Faktoren wie Kriege oder Unwetter, liegt der Fokus stärker auf der Resilienz. Gemeint ist die Fähigkeit eines Landes, seine Bevölkerung zuverlässig mit Energie zu versorgen – auch bei Angebotsschocks durch Transportunterbrechungen, Extremwetter, Cyberangriffe, Infrastrukturausfälle, Kriege oder Sanktionen.
Die USA, Europa und China reagierten unterschiedlich auf die Energieschocks von 2022 und 2026 (siehe Abbildung 1), jedoch sind einige Gemeinsamkeiten klar erkennbar. Allen drei gemeinsam war das Streben nach einer stärkeren Diversifizierung von Energieträgern und Bezugsquellen – unabhängig davon ob sie Energie importieren oder exportieren. Sie bauten die heimische Förderung fossiler Brennstoffen sowie die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien und Atomkraft aus und erweiterten ihre Speicherkapazitäten. Die Modernisierung der Netztechnologie und -infrastruktur soll mehr Strom aus erneuerbaren Energien ins Netz integrieren und den Schutz vor Cyberangriffen und Extremwetter verbessern. Schliesslich bleiben auch strategische Reserven und Zielvorgaben für die Stromspeicherung wichtige Massnahmen.
Abb. 1: USA, Europa und China reagierten unterschiedlich auf die letzten Öl- und Gasschocks1
Wichtigste Lehre aus dem Schock von 2022
Wichtigste Lehre aus dem Schock von 2026
Wesentliche Reaktionen
Europa
Zu grosse Abhängigkeit von russischem Gas – fast die Hälfte der Importe – führte zu kritischer Anfälligkeit
Europa bleibt durch Abhängigkeit von Gasimporten globalen Verwerfungen ausgesetzt
Mehr Energieimporte aus den USA, Katar, Norwegen und anderen Ländern, weniger aus Russland
Rekordniveau bei der Nutzung erneuerbarer Energien und erneute Hinwendung zur Atomenergie
Erhöhung der Investitionen in Energieeffizienz, -speicherung und -netze
Pflichtvorgaben für Gasspeichermengen, bessere Kopplung der Stromnetze von Mitgliedstaaten und gemeinsame Beschaffungsverträge
USA
Hohe Öl- und Gasreserven sind ein strategischer Vorteil
Trotz der Energieunabhängigkeit des Landes können die globalen Ölmärkte Schocks für US-Verbraucherinnen und -Verbraucher verursachen
Ausbau der Öl- und Gasförderung, Erhöhung der Flüssiggasexporte und Beibehaltung der strategischen Reserven
Investitionen in Solar- und Windenergie, Batterien und Netzmodernisierung für dezentrale Erzeugung und besseren Schutz vor Extremwetter
Sicherung der Versorgung mit kritischen Mineralien und Stärkung der Cybersicherheit
China
Abhängigkeit von Importen fossiler Brennstoffe über den Seeweg bleibt eine strategische Schwachstelle
Engpässe im Seetransport bleiben das Hauptrisiko
Ausbau der Solar- und Windkapazitäten auf ein weltweit führendes Niveau
Stärkere Kohleförderung im Inland, Erweiterung der Atomenergiekapazitäten und Erhöhung der Rohölreserven
Diversifizierung der Transportwege für Öl- und Gasimporte durch Landpipelines und langfristige Verträge mit mehreren Produzenten
Diese Fokussierung auf Resilienz beschleunigt den Übergang zu erneuerbaren Energien, die sehr viel weniger anfällig gegenüber geopolitischer Instabilität sind. Solarenergie zählt heute zu den kostengünstigsten Energieformen, und Solarmodule lassen sich vergleichsweise einfach installieren. Der Engpass liegt inzwischen weniger bei der Erzeugung als bei Speicherung und Verteilung. Die saubere Elektrifizierung verändert das Energiesystem von Grund auf, aber dieser Prozess wird weder reibungslos noch schnell ablaufen. Greg Jackson, Gründer und CEO des britischen Versorgers Octopus Energy,2stellt fest:
„Das Vereinigte Königreich hat bei der Energiewende nun die Hälfte des Weges zurückgelegt, was übrigens der schlechteste Zeitpunkt wäre, um den Prozess zu beenden [...]. Nach unseren Schätzungen werden die Investitionen auf der Verbrauchsseite der Energiewende sechs Mal höher sein als auf der Seite der Erzeugung.“
„Nach unseren Schätzungen werden die Investitionen auf der Verbrauchsseite der Energiewende sechs Mal höher sein als auf der Seite der Erzeugung.“
Greg Jackson, Gründer und CEO, Octopus Energy
Die zahlreichen Einflussfaktoren und der langfristige Charakter des Übergangs sprechen dafür, dass die USA, Europa und China ihre Energiepolitik auf unterschiedliche Szenarien ausrichten. Die beschleunigte Einführung neuer Energietechnologien – Solarmodule, Batterien, Wärmepumpen, Elektrofahrzeuge (EV) – ist nach Angaben von BloombergNEF entscheidend für die Resilienz gegen Schocks bei fossilen Brennstoffen.3
Zudem erreichte der Ausbau der erneuerbaren Energien 2025 im 23. Jahr in Folge ein Rekordniveau. Die weltweit neu installierte Kapazität stieg laut der Internationalen Energieagentur (IEA) um 16% auf 800 Gigawatt (GW) (siehe Abbildung 2) – trotz Lieferkettenstörungen, Verzögerungen bei Netzanschlüssen, finanziellem Druck und politischen Kurswechseln.4 Letztere waren in den USA mit der Schwächung des Inflation Reduction Act besonders ausgeprägt. Die Atomenergie war viele Jahre in Verruf, ist nun jedoch wieder sehr gefragt: Rund 80 Reaktoren sind im Bau und weitere 120 in Planung, überwiegend in Asien.5
Abb. 2: Jährlicher Ausbau der weltweiten Kapazitäten für erneuerbare Energien 2025 auf Rekordniveaus1
Die jüngsten Energieschocks bringen Staaten dazu, neue Technologien einzuführen und stärker zu nutzen. Bereits in der Vergangenheit gaben Energiekrisen der Innovation häufig einen Schub, der zu einer strukturellen Verbesserung der Effizienz führte. Dieses Muster wird häufig übersehen.
So führte die Ölkrise von 1973 zu Fortschritten in Fahrzeugtechnik, Aerodynamik, Materialien und Verpackung sowie zu neuen Standards für die Messung des Kraftstoffverbrauchs. Diese Fortschritte machten Autos kleiner und leichter, zugleich geräumiger und effizienter.
Die Ölschocks der 1970er-Jahre waren ausserdem wichtige Impulsgeber für die Forschung und Entwicklung im Bereich der Windkraft und Solarenergie. Auch Forschung und Entwicklung zu Horizontalbohrungen nach Öl und Gas – heute als Fracking bekannt – erhielten wichtige Impulse. All diese Technologien sind inzwischen wirtschaftlich bedeutend und wichtige Treiber des Wandels. Brasilien war als Ölimporteur sehr stark betroffen. Das Land wurde ein Vorreiter der Ethanolnutzung im Transportbereich und förderte Biomasse- und Biokraftstoff-Technologien. Zugleich förderte es die stärkere Nutzung von Wasserkraft und den Ausbau der heimischen Ölindustrie.
Auch heutige Energieschocks geben technologischen Verbesserungen neue Impulse. Die Innovationen reichen von grossskaligen Energiespeichern und leistungsfähigeren Windkraftanlagen der nächsten Generation bis hin zu Lithium‑Eisenphosphat-Batterien für EV und kleinen modularen Atomreaktoren.
Kann die saubere Elektrifizierung das Energietrilemma auflösen?
Im Jahr 1865 stellte der englische Ökonom William Jevons fest, dass effizientere Dampfmaschinen letztlich nicht zu einem geringeren Kohleverbrauch führten. Stattdessen stieg der Gesamtverbrauch des fossilen Brennstoffs, weil die Effizienzsteigerungen eine breitere Verwendung der Technologie ermöglichten. Das Jevons-Paradoxon gilt noch heute. So haben effizientere Autos und Leuchten die Kosten des Autofahrens und der Beleuchtung von Häusern und Städten gesenkt. Auf ganz ähnliche Weise führen die sinkenden Kosten je Rechenvorgang zu einer stärkeren Nutzung von Computern und künstlicher Intelligenz.
Im Jahr 2025 schrieb die IEA, das „Zeitalter der Elektrizität“ habe begonnen. Denn die weltweite Stromnachfrage sei etwa 2,3-mal so schnell gestiegen wie die gesamte Energienachfrage und habe um rund 800 Terawattstunden (TWh) zugenommen (siehe Abbildung 3). Die Stromnachfrage durch EV und Rechenzentren stieg um 38% bzw. 17%. BloombergNEF prognostiziert in seinem Energiewendeszenario, dass Elektrizität bis 2047 weltweit zur wichtigsten Endenergiequelle wird – getrieben von Strombedarf von EV, Rechenzentren, Gebäuden, Industrie, Klimaanlagen und Wärmepumpen.6
Politische Unterstützung war für die ersten Vorstösse bei der Entwicklung der erneuerbaren Energien sehr wichtig. Die aktuellen Trends zeigen jedoch, dass inzwischen Marktkräfte den Ausschlag geben. In seinem Vortrag zum Aufstieg der Elektrifizierung bei unserem Transition Investment Summit 2026 teilte der frühere US-Aussenminister und Sondergesandter des US-Präsidenten für Klimafragen John Kerry diese Einschätzung: „Der Motor dieses Übergangs ist nicht die Politik, sondern der wirtschaftliche Wettbewerb.“
Der Übergang zu einem zuverlässigen, resilienten, bezahlbaren und nachhaltigen Energiesystem, das auf erneuerbare Energien setzt, wird lang und komplex sein. Doch der Nutzen wäre enorm. Die Versorgung mit fossilen Brennstoffen läuft stets Gefahr, eine Geisel der Geopolitik zu werden. Sonne und Wind sind dagegen fast immer und überall verfügbar und ersetzen Anfälligkeit durch Resilienz. Während Ölschocks zu starken Preissprüngen für Unternehmen und private Haushalte in Import- wie Exportländern führen können, sind erneuerbare Energien heute die günstigste Energieform aller Zeiten. Emissionen stülpten eine Abgasglocke über die Städte im viktorianischen England, belasten noch heute Provinzen wie Shaanxi in China und tragen weiter zur Klimaerwärmung bei. Sauberer Strom und Speicherlösungen liefern dagegen reichlich Energie und machen die Wirtschaftstätigkeit unabhängiger vom Verbrennen von Kohlenstoffverbindungen. Als Lösung für die Herausforderungen in den Bereichen Versorgungssicherheit, Bezahlbarkeit und Nachhaltigkeit besitzt sauberer Strom das Potenzial, das Energietrilemma aus der Welt zu schaffen.
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1 Quelle: IEA Global Energy Review 2026. 2 Ein Verweis auf ein bestimmtes Unternehmen oder Wertpapier stellt keine Empfehlung zum Kauf, Verkauf, Halten oder für eine Direktinvestition in das Unternehmen oder das Wertpapier dar. Es kann nicht angenommen werden, dass sich künftige Empfehlungen gewinnbringend auswirken oder eine Performance erzielen, die der Wertentwicklung der in diesem Dokument beschriebenen Wertpapiere entsprechen.
3 Quelle: BNEF New Energy Outlook 2026 4 Quelle: IEA Global Energy Review 2026. 5 Quelle: „Plans For New Reactors Worldwide“, erschienen auf der Website der World Nuclear Association, letzte Aktualisierung: 14. August 2026, Zugriff: 15. August 2026. 6 Quelle: BloombergNEF New Energy Outlook 2026
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