„Die Natur ist in erster Linie ein produktiver Vermögenswert“, erklärte Hubert Keller, Senior Managing Partner bei Lombard Odier, an der Building Bridges 2026. „Sie treibt einen erheblichen Teil unserer Wirtschaft an.“
Mehr als 55% der Wirtschaftstätigkeit hängen stark oder mässig von der Natur ab. Branchen wie die Landwirtschaft, die Bauwirtschaft oder die Nahrungsmittel- und Getränkeindustrie sind direkt auf natürliche Ressourcen oder Ökosystemleistungen angewiesen – etwa auf Böden, Wasser oder die Bestäubung durch Insekten. Andere Branchen wie die Konsumgüter- oder die
Automobilindustrie beziehen Grundstoffe aus der Natur und sind damit indirekt von ihr abhängig.
Tatsächlich aber ist so gut wie jede wirtschaftliche Tätigkeit zu einem gewissen Grad auf die Natur angewiesen. Ihre Ressourcen sind unverzichtbar, aber nicht unerschöpflich. Diese Tatsache blieb zu lange unbeachtet – zulasten der Natur und auf Dauer auch der Wirtschaft, die sie trägt.
Lesen Sie auch: Rethinking nature investment: capturing the opportunity in regeneration
Landwirtschaftliche Böden: degradiert, ertragsarm und anfällig
„Seit Jahren verfolgt unsere Wirtschaft die Strategie, einen natürlichen Vermögenswert zu erschöpfen und dann zum nächsten überzugehen. Dieses Vorgehen ist schlicht nicht länger tragbar.“ Mit diesen Worten eröffnete Keller eine Podiumsdiskussion zum Thema regenerative Landwirtschaft.
Gravierende Ernteausfälle in den vergangenen Jahren sprechen eine deutliche Sprache – von westafrikanischem Kakao über spanische Oliven und chinesischen Reis bis hin zu Weizen und Obst im Nordwesten der USA. Jahrzehntelange intensive industrielle Landwirtschaft auf der Basis chemischer Düngemittel und Pestizide hat die Böden degradiert. Dadurch sind sie deutlich weniger ertragreich und können Extremwetterereignissen wie Hitzewellen, Dürren, Starkregen oder Überschwemmungen, die der Klimawandel mit sich bringt, kaum etwas entgegensetzen.
„Die landwirtschaftlichen Vermögenswerte sind heute heruntergewirtschaftet. Sie sind inzwischen deutlich weniger ertragreich“, so Keller. „Die Margen stehen unter Druck, und die Lieferketten werden zunehmend instabil.
Diese Vermögenswerte halten Extremwetterereignissen nicht mehr stand – und solche Ereignisse werden in Zukunft immer häufiger vorkommen.“
Marc Palahí, Chief Nature Officer bei Lombard Odier Investment Managers, nannte zwei Gründe, warum Ernährungssysteme im Zentrum der Klima- und der Naturkrise stehen.
Zum einen sind die Böden zunehmend degradiert. Schuld daran sind ressourcenzehrende Praktiken, die auf synthetischen Pestiziden und Düngemitteln sowie grossflächigen Monokulturen basieren. Dies verringert die Widerstandsfähigkeit der Böden gegenüber Auswirkungen des Klimawandels, wie etwa Extremwetterereignisse, heissere Sommer und regenreichere Winter. Mit jedem Grad Temperaturanstieg kann die Atmosphäre 7% mehr Wasserdampf aufnehmen. Dadurch verdunstet im Sommer mehr Wasser an der Oberfläche. Im Winter hingegen regnet es mehr, da weniger Niederschlag in Form von Schnee fällt. „Wir haben die Wasserspeicherfähigkeit des Bodens verringert – ausgerechnet dann, wenn sie am dringendsten gebraucht wird. Daher verlieren viele landwirtschaftliche Betriebe mit fortschreitendem Klimawandel ihre Ertragsfähigkeit“, erklärte Palahí.
Zum anderen umfassen lange und komplexe Lieferketten in der Regel mehrere Zwischenstufen: von Rohstoffaufkäufern und Agrarhändlern über Erstverarbeiter, Zutatenlieferanten und Lebensmittelhersteller bis hin zu Vertriebs- und Einzelhändlern. Auf diese entfallen 80% bis 90% des Endverkaufswerts.1 Diese Mittel fehlen den landwirtschaftlichen Betrieben, die auf Investitionen angewiesen sind, um ihre Resilienz zu steigern.
„Wenn wir Ernährungssicherheit wollen – und auch nachhaltige verbrauchernahe Unternehmen –, brauchen wir eine gesunde, solide Landwirtschaft“, so Keller.
Video: Marc Palahí, Chief Nature Officer bei Lombard Odier Investment Managers, erklärt, wie regenerative Landwirtschaft die Grundlage eines Ernährungssystems bilden kann, das Umwelt, Wirtschaft sowie Verbraucherinnen und Verbrauchern zugutekommt.
über Building Bridges ansehen
|
Was für eine regenerative Landwirtschaft spricht
Das moderne Ernährungssystem ist „Wunder und Katastrophe zugleich“. Es erzeugt ausreichend Kalorien, um die rasch wachsende Weltbevölkerung zu ernähren. Gleichzeitig hat es sich zu einer Hauptursache für Entwaldung, Biodiversitätsverlust, Klimawandel und Bodendegradation entwickelt. Seine Produkte tragen zudem zu erhöhten gesundheitlichen Risiken bei. So steht der Verzehr hochverarbeiteter Lebensmittel im Zusammenhang mit der Zunahme von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Typ-2-Diabetes. Ausserdem erhalten Landwirtinnen und Landwirte in diesem System einen immer geringeren Anteil an der wirtschaftlichen Wertschöpfung.
„Es hat einen Unterbietungswettlauf ausgelöst – um die niedrigsten Preise und die billigsten verarbeiteten Lebensmittel. Die dadurch verursachten Begleiterkrankungen und Probleme werden jetzt spürbar“, erklärte Rob Appleby, Gründer und CIO von Cibus Capital, einer Investmentgesellschaft mit Fokus auf regenerative Landwirtschaft und CO2-Zertifikate.
Ein wesentlicher Teil der Lösung dieser Probleme ist Appleby zufolge die regenerative Landwirtschaft. Sie stellt Böden, Biodiversität und Ökosysteme wieder her, sichert die landwirtschaftliche Produktivität und verbessert die Fähigkeit der Böden, CO2 zu speichern und den Wasserhaushalt zu regulieren. Oder einfach „Landwirtschaft“, so Appleby. Denn viele regenerative Praktiken waren vor dem Aufkommen der industriellen Landwirtschaft bereits jahrhundertelang gang und gäbe.
Palahí stimmte dem zu. Die regenerative Landwirtschaft ist in vielerlei Hinsicht eine Rückbesinnung auf ihre Wurzeln – mit der Natur arbeiten, statt sie zu ersetzen. Sie beruht auf drei wesentlichen Grundsätzen:
| 1. |
Den Boden durch eine reduzierte Bearbeitung möglichst wenig stören und ihn möglichst vollständig begrünen. Dadurch bleibt die Bodenstruktur erhalten. Dies verbessert die Wasserinfiltration und fördert die Mikroben, Regenwürmer und Mykorrhizapilze, die für den Nährstoffkreislauf wichtig sind. Organischer Kohlenstoff bleibt im Boden gebunden, und der Oberboden erodiert weniger |
| 2. |
Die Biodiversität ober- und unterhalb der Bodenoberfläche erhöhen. Dazu gehören Fruchtfolge und Mischkulturen. Zwischenfrüchte und Ernterückstände, die auf dem Feld verbleiben, dienen als Lebensraum und Nahrung für Bodenorganismen, Bestäuber und andere Insekten. Die Integration von Bäumen, Tieren, Blühpflanzen und Heckenkorridoren in die Bewirtschaftung erhöht die Pflanzen- und Tiervielfalt. Im Boden gilt es, Mikroorganismen, Pilze und Regenwürmer zu fördern |
| 3. |
Synthetische Betriebsmittel durch natürliche Prozesse ersetzen. Die Düngung übernehmen Mikroorganismen, die im Boden organische Stoffe zersetzen. Bestimmte Bakterien binden Stickstoff, und Mykorrhizapilze verbessern die Nährstoff- und Wasseraufnahme über die Wurzeln. Natürliche Fressfeinde wie Insekten, Spinnen, Vögel und andere Organismen halten Schädlingspopulationen in Schach. Diese Nützlinge profitieren wiederum von vielfältigen Pflanzenbeständen und Heckenstrukturen. Zudem ist ein gesünderer Boden an sich widerstandsfähiger gegen Schädlinge und Krankheiten. |
„Es gibt Belege dafür, dass regenerative Anbaumethoden diese Vermögenswerte wiederherstellen können. Sie nutzen die Kraft der Natur und machen diese Vermögenswerte widerstandsfähiger, produktiver und wirtschaftlicher im Betrieb“, so Keller. „Wirtschaftlich spricht deshalb einiges für die regenerative Landwirtschaft – ganz abgesehen von den enormen ökologischen Vorteilen.“
„Es gibt Belege dafür, dass regenerative Anbaumethoden diese Vermögenswerte wiederherstellen können. Sie nutzen die Kraft der Natur und machen diese Vermögenswerte widerstandsfähiger, produktiver und wirtschaftlicher im Betrieb“
Die „fehlende Mitte“ bei der Umstellung von der industriellen zur regenerativen Landwirtschaft
Regenerative Methoden sind zwar konzeptionell einfach, aber schwierig umzusetzen, erklärte Peter Fröhlich dem Publikum. Er ist Landwirt und CEO von AgriPurpose, einer sektorübergreifenden Initiative, die analysiert, wie weit Agrarflächen im Bereich der regenerativen Landwirtschaft fortgeschritten sind.
Anders als synthetische Betriebsmittel, die nach einem festen Schema eine bestimmte Reaktion des Ackerbodens auslösen, erfordern natürliche Prozesse eine sorgfältige Überwachung. Die Landwirtinnen und Landwirte müssen beobachten, wie die Kulturpflanzen und ihre Umwelt reagieren, und behutsam Anpassungen vornehmen. „Man beginnt fast von Grund auf und beobachtet, wie die Natur reagiert“, erläuterte er.
„Wir messen die Reaktion des lebenden Systems: Photosynthese-Aktivität, Bodenbedeckung und Bodengesundheit. Das sind die drei zentralen Grössen“, so Fröhlich. „Und wir fügen eine letzte Dimension hinzu: die Effizienz. Denn Effizienz bedeutet Nachhaltigkeit.
„Wenn also das lebende System im Hinblick auf Photosynthese-Aktivität, Bodenbedeckung und Bodengesundheit wie gewünscht reagiert und effizient produziert wird, ist man auf dem richtigen Weg.“

Hubert Keller, Marc Palahí, Robert Appleby, Peter Frölich und Katja Seidenschnur
Werden diese Ergebnisse erzielt, sorgen sie für hochwertige Ernten und eine nachhaltige Bodengesundheit für künftige Anbauperioden. Cibus Capital ist diesen Weg gegangen. Appleby schilderte, wie das Unternehmen im Rahmen einer seiner Strategien einen konventionellen, mit Pestiziden und Düngemitteln bewirtschafteten Olivenhain erwarb2. Anschliessend senkte das Team den Wasserverbrauch und brachte Biokohle aus pyrolysierten Olivenkernen in den Boden ein. Diese verbesserte die Bodenstruktur und förderte den Nährstoffkreislauf und die Nährstoffaufnahme. „Wir mussten ein Risiko eingehen, denn die bisherige Betriebsleitung – sehr gute Leute – fragte, wer bei einem Fehlschlag das Risiko tragen würde. Wir sagten, dass wir es übernehmen“, erklärte er.
Fünf Jahre später produzierte der biologisch bewirtschaftete, regenerative Olivenhain von rund 162 Hektar erstklassiges Olivenöl und wurde von einem kanadischen Pensionsfonds übernommen. Beim Verkauf erzielte der Betrieb laut Appleby das 2,6-Fache des Kaufpreises und sicherte dem Unternehmen eine interne Rendite (IRR) von 20%. Zu diesem Zeitpunkt hatte er sich zum weltweit grössten Produzenten von Bio-Olivenöl entwickelt. Der kommerzielle Erfolg, die verbesserte Bodengesundheit und die allgemeine Widerstandsfähigkeit des Betriebs verstärkten sich gegenseitig.
Die Notwendigkeit der regenerativen Landwirtschaft, die wirtschaftlichen Anreize und die ökologischen Vorteile liegen auf der Hand. Doch die radikale Änderung der Arbeitsweise und die Zeit, die die Böden zur Anpassung brauchen, schrecken viele Landwirtinnen und Landwirte ab. Sie sind auf beständige Absatzmengen ab Hof angewiesen. Ein zentrales Hindernis ist das, was Appleby „die fehlende Mitte“ nannte. Gemeint ist eine Kombination aus Kapital, Netzwerken und kommerziellen Abnahmeverträgen. Sie ermöglicht es Betrieben, die am Anfang der Umstellung stehen, den Weg zu Ende zu gehen und die nötige Grösse zu erreichen.
Abnehmer und Kapitalrückfluss in die Betriebe
Erfreulicherweise herrscht bei den grossen Lebensmittelkonzernen Nachfrage nach regenerativ angebauten Erzeugnissen.
Katja Seidenschnur, Global Head of Sustainability for Nutrition and Health bei Nestlé, nannte den wichtigsten Grund, warum sich der Lebensmittelkonzern für regenerative Landwirtschaft interessiert. Er lässt sich in einem Wort zusammenfassen: Resilienz. Entsprechend kauft das Unternehmen gezielt bei Betrieben ein, die die Versorgung mit Zutaten langfristig sichern, die Gesundheit von Böden und Ökosystemen wiederherstellen und ihre Rentabilität steigern können. Das stärkt den Lebensunterhalt der Erzeugerinnen und Erzeuger sowie die Produktion.
Nestlé ist eine wichtige globale Akteurin in Bereichen wie abgepacktem Kaffee, Milchprodukten, Fertiggerichten, Süsswaren und Babynahrung. Das Unternehmen bemüht sich intensiv darum, mehr Agrarrohstoffe aus regenerativen Landwirtschaftsbetrieben zu beziehen. Ende des vergangenen Jahres bezog das Unternehmen 20,7% seiner Rohstoffe von regenerativen Anbietern, darunter Getreide, Kakao, Milchprodukte, Fleisch, Geflügel, Eier, Gemüse und pflanzliche Öle. Diesen Anteil will Nestlé bis 2030 auf 50% steigern. Zur Abnahme regenerativer Erzeugnisse durch das Unternehmen sagte Seidenschnur: „Das sind bei uns keine Einzelfälle mehr.“
Über Abnahmeverträge hinaus will das Unternehmen Landwirtinnen und Landwirte bei der Umstellung auf regenerative Landwirtschaft unter anderem mithilfe folgender Massnahmen unterstützen:
- Technische Unterstützung und Schulungen. Erzeugerinnen und Erzeuger werden mit Fachleuten für Agronomie und landwirtschaftlichen Netzwerken vernetzt, um Methoden vom Zwischenfruchtanbau bis zur Agroforstwirtschaft zu fördern
- Finanzierung. Mit CHF 1,2 Mrd. über fünf Jahre will das Unternehmen die regenerative Landwirtschaft in seinen Lieferketten vorantreiben
- Abfederung des Umstellungsrisikos. Anreizprogramme und längerfristige Partnerschaften können auf einer regenerativen Erzeugung basieren.
Nach eigenen Angaben unterhält das Unternehmen ein Netzwerk aus mehr als 500'000 Landwirtinnen und Landwirten sowie 150'000 Zulieferbetrieben, um regenerative Praktiken zu fördern. Die Bemühungen, den Anteil der regenerativen Beschaffung zu erhöhen, sichern die Geschäftstätigkeit von Nestlé. Gleichzeitig treibt das Unternehmen so seine integrierte Klima- und Naturstrategie voran, die auf einen 1,5-Grad-Pfad ausgerichtet ist, um bis 2050 Netto-Null-Emissionen zu erreichen.

Marc Palahí
Doch nicht nur Grosskonzerne fördern den Übergang zu einer regenerativen Landwirtschaft. Spezialisierte Dienstleister decken ein breites Spektrum ab. Sie zertifizieren Erzeugerbetriebe, bauen landwirtschaftliche Netzwerke auf, ermöglichen den Wissensaustausch und bündeln das Angebot für den Verkauf an Lebensmittelunternehmen. Damit entwickeln sie sich zu einem wichtigen Glied der Wertschöpfungskette und tragen dazu bei, die „fehlende Mitte“ zu überbrücken. Sie verfolgen jeweils leicht unterschiedliche Ansätze, wie die folgenden Beispiele anschaulich zeigen3:
- Regenified: Das US-Unternehmen wächst in Europa und auf anderen Kontinenten rasch und konzentriert sich darauf, regenerative landwirtschaftliche Betriebe zu zertifizieren und sie mit Lebensmittelmarken zu vernetzen
- Soil Capital: Das Unternehmen mit Sitz in Belgien berät Landwirtinnen und Landwirte agrarwissenschaftlich und bietet Analysedienstleistungen für Unternehmen, die regenerative Landwirtschaft in ihre Lieferketten integrieren wollen
- Wildfarmed: Die britische Lebensmittelmarke koordiniert und fördert ein Kollektiv aus regenerativen Landwirtschaftsbetrieben. Sie bündelt das Angebot an Mehl, Zutaten und Produkten für Supermärkte, Bäckereien, Restaurants, Brauereien und weitere Abnehmer
- Klim: Das Berliner Unternehmen arbeitet mit Landwirtinnen und Landwirten zusammen, um regenerative Praktiken zu verbessern. Gemeinsam mit Lebensmittelunternehmen untersucht es ausserdem die Bodengesundheit in deren Lieferketten und die Auswirkungen auf Resilienz- und Nachhaltigkeitsziele.
Mit der wachsenden Anzahl an Akteuren und Abnehmern in der regenerativen Landwirtschaft zeichnet sich ein zentraler Wandel ab. Sie konzentrieren sich zunehmend auf die Nachhaltigkeit der Ernten, den Lebensunterhalt von Landwirtinnen und Landwirten sowie deren Verantwortung für das Land. Die Abkehr vom ressourcenzehrenden Ansatz, bei dem der Ab-Hof-Preis im Vordergrund steht und sonstige Aspekte in den Hintergrund treten, ist begrüssenswert.
Landwirtschaftliche Betriebe können durch regenerative Praktiken das Ertragsniveau bei sinkenden Kosten pro Hektar stabilisieren, das künftige Angebot sichern und die Natur wiederherstellen. Damit schaffen sie eine solidere Grundlage für die Ernährungssysteme.
„Zu lange galt die Landwirtschaft als Sündenbock: Sie war diejenige, die externe Effekte verursachte“, so Appleby. „Dabei sind Landwirtinnen und Landwirte diejenigen, die diesen Wandel vorantreiben werden; sie tragen die Verantwortung für das Land. Wir brauchen Vorbilder unter ihnen.“
Die Natur wie Insekten behandeln – mit Respekt
„Wenn ich bei mir im Haus eine Wespe sehe, fange ich sie ein, bringe sie nach draussen und wünsche ihr guten Flug“, sagte Appleby. Bevor er eine Laufbahn im Investmentbereich einschlug, studierte er in Oxford Zoologie.
Seine Worte hatten einen ernsten Unterton: Bienen, Schwebfliegen, Nachtfalter, Schmetterlinge, Käfer und Wespen bestäuben zusammengenommen ein breites Spektrum an Pflanzen. Die grösste wirtschaftliche Bedeutung kommt den Bienen zu. Ihre behaarten Körper sind bestens angepasst, um Pollen vieler Obst- und Gemüsekulturen, Nüsse und Ölsaaten zu transportieren. Andere Insekten haben sich dagegen spezialisiert. Wespen sind beispielsweise die einzigen wirksamen Bestäuber für die meisten Feigenarten. Für fast jede von ihnen gibt es eine eigene Wespenart. Ohne ihr Partnerinsekt kann sich die jeweilige Feigenart nicht fortpflanzen.
Das ist nur einer der vielen Stränge im Netz der gegenseitigen Abhängigkeiten, die die Komplexität der Natur ausmachen. Zieht man an diesem und anderen Strängen, indem man flächendeckend Lebensräume zerstört und Pestizide einsetzt, löst sich allmählich die Widerstandsfähigkeit auf, die auf diesen Beziehungen beruht. Wer ertragsfähige Flächen langfristig erhalten will, sollte sich daher Appleby anschliessen: „Die Vorstellung, dass wir Insekten in industriellem Massstab töten, ist mir ein Gräuel.“
Ernährungssysteme haben die Komplexität der Natur ausgehöhlt. Sie haben aber auch die Macht, diese wiederherzustellen.
„Wir haben die Agrarlandschaften vereinheitlicht. Die Biodiversität haben wir durch Monokulturen ersetzt und die Natur durch synthetische Betriebsmittel“, so Palahí.
„Doch wir haben die Lösung.“
FAQ
Die regenerative Landwirtschaft setzt auf den Aufbau eines gesunden Bodens. Hierzu nutzt sie Methoden und Praktiken, die den Einsatz synthetischer Chemikalien reduzieren und Böden möglichst wenig stören. Ein gesunder Boden zeichnet sich unter anderem durch eine natürliche Struktur aus, die mehr Wasser aufnehmen kann. Er enthält nützliche Bakterien, Regenwürmer und andere Organismen, die den Nährstoffkreislauf antreiben, sowie Mykorrhizapilze, die den Pflanzen helfen, Nährstoffe und Wasser über die Wurzeln aufzunehmen.
Die regenerative Landwirtschaft hat zudem das Ziel, die Biodiversität zu erhöhen und natürliche Kohlenstoffsenken zu fördern. Damit macht sie landwirtschaftliche Betriebe und Wertschöpfungsketten widerstandsfähiger gegenüber den zunehmenden Extremwetterereignissen. Sie dämmt den Klimawandel ein und trägt gleichzeitig dazu bei, Agrarflächen an dessen Auswirkungen anzupassen. In grossem Massstab umgesetzt, hat die regenerative Landwirtschaft das Potenzial, künftige Ernteerträge zu niedrigeren Kosten pro Hektar zu sichern und das Ernährungssystem widerstandsfähiger zu machen.
Das Anlageuniversum der regenerativen Landwirtschaft lässt sich im Wesentlichen in drei Chancenbereiche gliedern:
- Landbasierte Strategien investieren direkt in Agrarflächen, Dauerkulturen, Weidesysteme oder forstwirtschaftliche Vermögenswerte
- Strategien, die auf integrierte Wertschöpfungsketten setzen, investieren in verschiedene Stufen des Ernährungssystems. Sie kombinieren rückverfolgbare regenerative Produktion aus landwirtschaftlichen Netzwerken mit der Verarbeitung, dem Vertrieb und dem Verkauf von Markenprodukten
- Strategien, die auf Agrartechnologie und unterstützende Unternehmen setzen, investieren in die Infrastruktur, die eine regenerative Landwirtschaft ermöglicht. Dazu zählen unter anderem Präzisionslandwirtschaft, Robotik, biologische Betriebsmittel, Genetik, Beratungsdienste und Plattformen für das Management landwirtschaftlicher Betriebe.
Anlagekapital spielt für die Skalierung der regenerativen Landwirtschaft eine zentrale Rolle, da es die Interessen entlang der Wertschöpfungskette in der Agrar- und Lebensmittelwirtschaft in Einklang bringen kann. In der aktuellen Phase der Marktentwicklung ist Kapital besonders gut geeignet, um Plattformen, spezialisierte Dienstleister und Finanzierungsstrukturen zu unterstützen. Diese bringen Landwirtinnen und Landwirte, Betriebsmittellieferanten, Verarbeiter, Lebensmittelunternehmen und Einzelhändler zusammen, die gemeinsame regenerative Ziele verfolgen. Kapital kann dazu beitragen, die verschiedenen Akteure zu koordinieren, Umstellungsrisiken aufzufangen sowie wegbereitende Infrastrukturen und Dienstleistungen zu finanzieren. Dies kann die Verbreitung regenerativer Praktiken beschleunigen und widerstandsfähigere und nachhaltigere Lieferketten schaffen.
Landwirtschaftliche Betriebe vollziehen die Umstellung von Monokulturen auf regenerative Landwirtschaft in der Regel innerhalb von drei bis fünf Jahren. Zu Beginn arbeiten sie möglicherweise weniger rentabel, müssen zusätzliche Investitionen tätigen und Betriebsrisiken tragen, bevor die Vorteile einer regenerativen Bewirtschaftung voll zum Tragen kommen. Neben der agrarwissenschaftlichen Unterstützung und der Finanzierung leisten Abnahmeverträge einen zentralen Beitrag dazu, Hindernisse für eine erfolgreiche Umstellung zu überwinden.
Die wesentliche Herausforderung bei der Skalierung ist somit nicht die Frage, ob regenerative Landwirtschaft funktioniert, sondern ob die Landwirtinnen und Landwirte die Umstellung bewältigen können. Zahlreiche Studien zeigen, dass regenerative Systeme mittel- und langfristig rentabel sein können. Kurzfristige Liquiditätsengpässe, Wissenslücken, Pachtverträge und geringe Anreize bremsen jedoch nach wie vor die Verbreitung regenerativer Praktiken. Ein Problem sind auch fehlende langfristige Abnahmeverträge oder Vergütungssysteme für Umweltleistungen. Langfristige Abnahmeverträge senken den Druck und bieten ab der ersten regenerativ erzeugten Ernte ein sicheres Einkommen.